Michael Gartenschläger
Vom RIAS-Hörer und Herold-Fan zum Staatsverbrecher und Widerstandskämpfer

 

Es ist der 13. September 1961. Michael Gartenschläger, gerade 17 Jahre alt, sitzt auf der Anklagebank, soeben hat der Staatsanwalt die Todesstrafe gegen ihn beantragt. Gartenschlägers Verbrechen: Er hat mit seinen Freunden einige Sprüche an Hauswände geschrieben. „Macht das Tor auf!“ und „SED-Nee!“. Und er hat eine freistehende Scheune angezündet, aus Protest gegen den Bau der Berliner Mauer. Der Staatsanwalt nennt es „staatsgefährdende Gewaltakte, Hetze und Propaganda“. Nach drei Tagen endet der Prozess im Strausberger „Kulturhaus der Nationalen Volksarmee“. Das Urteil: lebenslänglich.
In der DDR war er ein Staatsverbrecher; in der Bundesrepublik galt er lange Jahre als Abenteurer, der mit beinahe krankhaftem Eifer die DDR bekämpfte. Erst seit kurzer Zeit wird Michael Gartenschläger von seinen Biographen als deutscher Widerstandskämpfer portraitiert. Gartenschläger wird am 13. Januar 1944 geboren und wächst in Strausberg, ein paar Kilometer östlich von Berlin auf. Nach der 8. Klasse beginnt er eine Ausbildung zum Autoschlosser. Seine Eltern, die eine Gastwirtschaft betreiben, lassen dem Jugendlichen viele Freiheiten. Und so flieht er regelmäßig mit seinen Freunden aus der Enge der Kleinstadt Strausberg ins bunte Westberlin – um ins Kino zu gehen und durch Plattenläden zu stöbern. Es ist das Ende der 1950er Jahre, die Zeit, in der der Rock’n’roll für Jugendliche im Osten genauso Kult ist wie im Westen. Natürlich sind auch Gartenschläger und seine Freunde Fans von Elvis, Bill Haley und dem deutschen Superstar Ted Herold. Gartenschläger ist so begeistert, dass er im Schuppen seiner Eltern einen Ted-Herold-Fanclub gründet. Doch die westliche Kultur und besonders die Rock’n’roll-Musik ist in der DDR verpönt. Im Januar 1961 wird der Club von den Behörden geschlossen.
Ein paar Monate später, am 13. August 1961 lässt die DDR-Führung die Berliner Mauer bauen – ein Schock für Gartenschläger und seine Freunde. Mit verschiedenen Aktionen protestieren sie dagegen – und werden kurz darauf verhaftet und verurteilt. Von seiner lebenslangen Freiheitsstrafe muss Michael Gartenschläger fast zehn Jahre absitzen. Zunächst in der Jugendvollzugsanstalt Torgau, dann im Zuchthaus in Brandenburg. 1971 schließlich wird er für 40.000 DM von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft.
Gartenschläger kommt nach Hamburg und versucht sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Aber er ist noch nicht fertig mit seiner Vergangenheit. Ende 1972 beginnt er, Menschen bei der Flucht aus der DDR zu helfen – er schmuggelt sie im Kofferraum seines Autos über die Grenze. Nach drei Jahren stehen 31 erfolgreiche Fluchten auf seinem Konto. Dann wird es zu gefährlich; die DDR-Staatssicherheit ist auf ihn aufmerksam geworden.
Bald darauf, im Februar 1976, liest Michael Gartenschläger eine fünf Zeilen kurze Nachricht in der Zeitung – über ein Ereignis, das für die Presse offensichtlich keine große Wichtigkeit mehr hat: ein DDR-Flüchtling wurde beim Versuch die innerdeutsche Grenze zu überwinden durch einen Selbstschussautomaten getötet. Gartenschläger beschließt, die Brutalität mit der die DDR-Führung ihre Grenze bewacht wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Er will an der Grenze zwischen DDR und BRD eine Selbstschussanlage SM-70 abbauen. Gemeinsam mit einem Freund gelingt ihm dieses Vorhaben gleich zweimal. Die Zeitschrift Der Spiegel berichtet, und Gartenschlägers Coup erregt großes Aufsehen. Doch beim Versuch, eine dritte Anlage abzubauen, wird er am 30. April 1976 von einem Sonderkommando der DDR-Staatssicherheit erschossen.

 

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